Gefahr durch menschliche Erfindungen
Es gibt augenscheinlich ein düsteres Gesetz der menschlichen Geschichte, das sich mit erschreckender Regelmäßigkeit bestätigt: Sobald etwas erfunden wurde – und sei es noch so zerstörerisch, moralisch verwerflich oder gefährlich – es findet sich immer jemand, der es einsetzt.
Dieses Phänomen durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte. Es ist eine beunruhigende Konstante der menschlichen Spezies.
Übersicht
die Erfindung der Atomenergie
Das wohl erschreckendste Beispiel für diese Gesetztmäßigkeit ist die Entwicklung der Atomwaffe.
Als 1945 die erste Atombombe über Hiroshima explodierte, war dies nicht nur ein technischer Durchbruch, sondern auch der Beweis für eine fundamentale menschliche Eigenschaft: Die Unfähigkeit, zerstörerische Macht nicht zu nutzen.
Entwicklungsgeschichte
Viele der beteiligten Wissenschaftler im Manhattan Project, darunter Robert Oppenheimer und Albert Einstein, erkannten bereits früh die verheerenden Konsequenzen ihrer Arbeit.
Einstein bereute später seine Beteiligung, Oppenheimer selbst sagte nach dem ersten Atomwaffentest: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Dennoch wurde die Bombe nicht nur fertiggestellt, sondern auch eingesetzt – zweimal binnen weniger Tage.
Das Tragische: Die Warnungen der Wissenschaftler vor einem nuklearen Werttrüsten bewahrheiteten sich. Binnen weniger Jahre besaßen mehrere Nationen Atomwaffen, und heute droht die nukleare Vernichtung der Menschheit.
die Erfindung chemischer Kampfstoffe
Die Geschichte chemischer Kampfstoffe zeigt ebenfalls diese fatale Logik. Fritz Haber, Nobelpreisträger und „Vater der chemischen Kriegsführung“, entwickelte im Ersten Weltkrieg Chlorgas als Waffe. Sein Argument: „Im Frieden für die Menschheit, im Krieg für das Vaterland.“
Seine eigene Frau Clara Immerwahr, ebenfalls Chemikerin, erschoss sich aus Verzweiflung über die Verwendung der Wissenschaft für Massenmord. Habers Chlorgas wurde 1915 erstmals bei Ypern eingesetzt und kostete Tausenden das Leben. Die Büchse war geöffnet: Senfgas, Phosgen, Nervengase folgten.
Obwohl nach dem Krieg internationale Ächtungen erfolgten, entwickelten Regime wie Nazi-Deutschland weiter an chemischen Kampfstoffen. Zyklon B, ursprünglich als Insektenvernichtungsmittel entwickelt, wurde zum Werkzeug des Holocaust.
Bereits im Mittelalter warfen Belagerer pestverseuchte Kadaver über Stadtmauern. Doch erst das 20. Jahrhundert perfektionierte biologische Kriegsführung. Das japanische Unit 731 unter Ishii Shiro testete in den 1930er Jahren Milzbrand, Pest und Cholera an Kriegsgefangenen und Zivilisten.
Zehntausende starben in grauenhaften Experimenten. Auch hier das bekannte Muster: Obwohl die internationale Gemeinschaft biologische Waffen ächtet, forschen Geheimdienste und Militärs weiter.
Anthrax-Anschläge 2001 in den USA (der Einsatz von Nowitschok gegen Dissidenten) zeigen, dass die Anwendung immer der Erfindung folgt.
das Internetzeitalter
Das Internetzeitalter brachte neue Formen der Zerstörung hervor.
Computerviren, ursprünglich oft als Scherz oder Herausforderung programmiert, wurden schnell zu Waffen. Stuxnet (entwickelt von US- und israelischen Geheimdiensten), zerstörte iranische Zentrifugen zur Urananreicherung.
Ransomware legt Krankenhäuser lahm, Cyberangriffe können ganze Stromnetze zum Kollaps bringen. Auch hier bestätigt sich das Muster: Jede neue digitale Möglichkeit wird früher oder später für zerstörerische Zwecke genutzt.
KI Desinformation und Killerroboter
KI-gesteuerte Desinformation, Deep-Fake-Videos für politische Manipulation, autonome Killerroboter – die Zukunft verspricht weitere Eskalationen.
Technologien zur Gesichtserkennung, Bewegungsverfolgung und Datensammlung wurden oft mit harmlosen Absichten entwickelt – zur Produktverbesserung, für Sicherheit oder Komfort. Doch unweigerlich finden autoritäre Regime und repressive Systeme diese Werkzeuge.
- Chinas Überwachungssystem mit Sozialkredit-Punkten
- die NSA-Massenüberwachung nach Snowdens Enthüllungen
- Gesichtserkennung zur Verfolgung von Dissidenten
Die Technologie der totalen Kontrolle entsteht meist aus harmlosen Anfängen.
Warum ist dieses Muster so konstant?
Schlichte psychologische und strukturelle Faktoren. Wer Macht besitzt, sucht Instrumente zu deren Erhaltung und Ausdehnung. Neue Technologien bieten neue Machtoptionen.
Was der eine zur Verteidigung entwickelt, sieht der andere als Bedrohung – Rüstungsspiralen sind die Folge. Was zunächst undenkbar erscheint, wird durch schrittweise Gewöhnung akzeptabel. Die erste Anwendung einer Waffe senkt die Schwelle für weitere Nutzung.
Hinzu kommt, das man sich fein herausreden kann, die moralische Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern. Jeder kann sagen: „Ich habe nur meinen Teil getan.“ Einmal entwickelte Technologien „wollen“ angewendet werden – Investitionen rechtfertigen sich durch Nutzung.
Alfred Nobels Dynamit sollte Bergbau und Tunnelbau revolutionieren. Es revolutionierte auch die Kriegsführung. Nobels schlechtes Gewissen führte zum Friedensnobelpreis. Die Wright-Brüder träumten von friedlicher Luftfahrt. Binnen Jahren bombardierten Flugzeuge Städte.
Wernher von Braun wollte zum Mond fliegen, seine V-2-Raketen zerstörten London. Später brachten seine Raketen Menschen ins All – und Atomwaffen um die Erde.
Das Internet wurde als ARPANET für akademischen Austausch konzipiert und ermöglicht heute Cyberkrieg und Massenüberwachung.
Viele Erfinder sehen die Konsequenzen ihrer Arbeit voraus und sind entsetzt über die Anwendung. Doch das Wissen ist einmal in der Welt. Oppenheimer, Haber, Nobel – sie alle erlebten, wie ihre Schöpfungen zu Werkzeugen der Zerstörung wurden.
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