die ersten Siedlungen und Dörfer
Beginn von Fortschritt und Wohlstand
Die Entstehung erster dauerhafter menschlicher Siedlungen markiert einen der tiefgreifendsten Einschnitte in der Geschichte der Menschheit. Sie ging einher mit dem Übergang von nomadischen Wildbeuter-Lebensweisen zu sesshaften Formen, die auf Planung, Vorratswirtschaft und sozialen Strukturen basierten.
Diese Entwicklung erfolgte nicht über Nacht, sondern über Jahrtausende und in unterschiedlichen geografischen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten.
Vorbedingungen Sesshaftigkeit – Jäger und Sammler werden sesshaft
Vor etwa 14 000 bis 10 000 v.u.Z. lebten Menschen überwiegend als nomadische Wildbeuter. Doch schon zu dieser Zeit lassen sich Hinweise auf längerfristige Aufenthalte an bestimmten Orten erkennen.
Beispiele frühzeitlicher Siedlungen vor der Landwirtschaft datieren weit in diese Periode zurück und zeigen, dass Dauer des Aufenthalts und Gemeinschaftsbildung nicht zwangsläufig an Ackerbau gebunden waren.
Archäologisch deuten Funde wie das Lager Ohalo II in Israel an, dass Menschen sich bereits vor der eigentlichen Agrarrevolution für längere Zeiten an bestimmten Plätzen niederließen.
Der „Fruchtbare Halbmond“: Wie die Sesshaftigkeit entstand
Die frühesten dauerhaft besiedelten Siedlungen, die als Dörfer gelten, entstanden vor allem im so genannten Fruchtbaren Halbmond – einem Gebiet, das Mesopotamien, Levante und Anatolien umfasst. Hier wirkte ein günstiges Klima zusammen mit reichhaltigen Nahrungsressourcen.
Jericho – Eine der ältesten bekannten Siedlungen
In der Region des heutigen Westjordanlands liegt Jericho (Tell es-Sultan), das als eine der ältesten dauerhaften Siedlungen gilt.
Die ältesten Bauphasen datieren um 9 500 v.u.Z.. Dort wurden Häuser aus Lehmziegeln und massive Befestigungsanlagen entdeckt. Diese Strukturen zeigen erstmals planvolle, gemeinschaftliche Bauarbeit und Vorratshaltung.
Natufien und frühe sesshafte Gruppen
Bereits vorher, um etwa 12 500 v.u.Z., lebte die sogenannte Natufien-Kultur im Levante-Gebiet mit halbwegs sesshaften Lebensformen. Diese Gruppen nutzten Hütten, betrieben Vorratswirtschaft mit Wildgetreide und begruben ihre Toten in der Nähe oder unter den Häusern, was auf soziale Strukturen und ethnische Kontinuität deutet.
Göbekli Tepe und frühe Monumentalarchitektur
Ein besonders bemerkenswertes Beispiel ist Göbekli Tepe in der heutigen Türkei, dessen älteste Bauphasen auf die Zeit um 10 000 v.u.Z. datiert werden. Hier wurden monumentale Steinanlagen mit ritueller Bedeutung gefunden, die von sesshaften Gruppen gemeinsam errichtet wurden.
Diese Stätte zeigt, dass soziale Organisation und gemeinschaftliche Bauarbeit bereits lange vor voll entwickelter Landwirtschaft auftraten.
Übergang zur Landwirtschaft und Dorfentwicklung
Die Sesshaftigkeit wurde in vielen Regionen zum Motor für die allmähliche Entwicklung von Landwirtschaft. Archäologische Befunde aus Orten wie Tell Abu Hureyra im syrischen Euphrat-Tal belegen eine fast durchgehende Besiedlung von etwa 13 300 bis 7 800 v.u.Z., in der Übergangsformen von natürlicher Ressourcennutzung zu gezielter Pflanzenkultivierung nachweisbar sind.
Domestikation von Pflanzen und Beutetieren
Mit der Sesshaftigkeit begann Menschen, wild wachsende Getreidearten systematisch zu bearbeiten, zu sammeln und später gezielt anzubauen. Parallel dazu wurden erste Schritte unternommen, andere Tiere (FAQ) (Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine) für den eigenen Bedarf zu beeinflussen.
Diese Prozesse führten zur Entstehung von Nahrungsüberschüssen, die wiederum dauerhaft wachsende Dörfer ermöglichten.
Struktur und Alltag in frühen Dörfern
Architektur und Wohnformen
Frühe Dörfer bestanden aus einfach gebauten Häusern aus:
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Lehmziegeln
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Holz
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Steinfundamenten
In Çatalhöyük (Südanatolien) waren Häuser eng aneinander gebaut und lediglich über Dächer zugänglich – ein Hinweis auf enge soziale Verbände und kollektiv genutzte Räume.
Gemeinschaft und Soziale Organisation
In den Anfängen erfolgte eine Machtübertragung auf einzelne Personen wahrscheinlich freiwillig. Doch das änderte sich bald, als diese Macht missbraucht wurde. Warum es dazu kam, konnte noch nicht ergründet werden:
- führte die Konkurrenz benachbarter Dörfer zum Krieg?
- erfolgte die Nahrungsverteilung irgendwann nicht mehr gerecht?
- waren für manche Mitglieder die Abgaben an die Gemeinschaft bald zu hoch?
Es gab bald Handwerker (Töpfer, Schmied, Weber), sowie Hausbauer, Steinmetz, Dachdecker usw., aber auch Priester (Nachfolger der Schamanen) und Soldaten neben dem schon existenten Handel der Gruppen untereinander.
Folglich gab es irgendwann Sklaven und Leibeigene, nämlich dann, wenn nur noch die eigene Arbeitskraft zur Schuldendilgung eingesetzt werden konnte.
Die neue Situation wurde sogar irgendwann in die gesetzliche Ordnung einer Gemeinschaft aufgenommen und dadurch legitimiert. Andere Gemeinschaften konnten auch völlig andere Ordnungen erfinden.
Frühe Gemeinschaften organisierten:
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Vorratsspeicherung
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Arbeitsverteilung
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Bauprojekte
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Begräbnisrituale
Dies erforderte koordinierte Entscheidungsprozesse, die über familiäre Beziehungen hinausgingen.
der Beginn der Arbeit
Vor der Sesshaftigkeit bestanden Tätigkeiten wie Jagen, Sammeln und Werkzeugherstellung. Mit der Sesshaftigkeit wandelten sich diese Tätigkeiten zu Arbeit im engeren Sinn: planbar, wiederholbar und sozial eingebettet.
Arbeit bedeutete nun Ackerbau – das Bestellen von Feldern, das Ausbringen von Saatgut und die Ernte. Sie umfasste die Manipulation von Beutetieren, deren Pflege, Zucht 1)Tierzucht hier noch kein Unwort, da noch keine Übertreibung und Nutzung als Ressource. Hinzu kam die Bauarbeit für Häuser, Vorratsspeicher und Bewässerungssysteme. Mit der Spezialisierung entstanden Handwerke wie Keramik, Textilproduktion und Metallbearbeitung.
Arbeit entstand, weil Vorräte geschützt und Eigentum gesichert werden mussten. Sie strukturierte den Alltag, führte zu Arbeitsteilung und Spezialisierung und wurde ab dem 4. Jahrtausend v.u.Z. in Städten wie Uruk zunehmend institutionalisiert. Abgaben, Arbeitsdienste und Verwaltung machten Arbeit zu einem gesellschaftlichen Fundament.
die Erfindung von Mythen
Die Sesshaftigkeit des Menschen führte gleichzeitig zu der Entwicklung des Privateigentums und zum Leben in anonymen Gruppen, was den Umgang der Menschen untereinander auch erschweren konnte:
- Gibt es auch in Notzeiten Vertrauen aller Mitglieder?
- Wie können gewalttätige Konflikte untereinander vermieden werden?
- Wie tritt man fremden Horden gegenüber?
- Wie verteidigt man sein Hab und Gut vor Jägern und Sammlern?
- Kann das Bewässerungssystem immer in Stand gehalten werden?
- Wie kann ein möglichst fairer Handel realisiert werden?
Aus diesem Grund kam es wohl zu ersten Mythen (Vorläufer der Religionen), die eine große Horde von über 500 Menschen besser zusammen halten konnten, als der reine Überlebenswille jedes Einzelnen – auch weil es dem Menschen in großen Gruppen an biologischen Instinkt fehlt.
Regionale Ausbreitung – Europa und andere Regionen
Die neue Lebensweise breitet sich über Jahrtausende hinweg aus:
Nach ca. 5 500–5 000 v.u.Z. gelangte die Sesshaftigkeit mit dem Ackerbau in zentraleuropäische Regionen, etwa durch die sogenannte Bandkeramische Kultur.
In Europa entstanden frühe Pfahlbausiedlungen an Seen, wie bei Funden im Ohridsee, die auf eine Besiedlung um 5 900–5 800 v.u.Z. datiert werden.
Erst deutlich später entwickelten sich größere städtische Zentren in Europa, etwa griechische Poleis ab dem 8. Jahrhundert v.u.Z..
Wissenschaftliche Debatten zur Entstehung von Dörfern
Ursache oder Folge der Landwirtschaft?
Die klassische Lehrmeinung sah Landwirtschaft als Ursache der Sesshaftigkeit. Neuere Forschungen argumentieren jedoch, dass dauerhafte Siedlung bereits vor ausgebildetem Ackerbau existierte, und dass intensive soziale Interaktionen, symbolische Praktiken und kollektive Bauarbeit die Sesshaftigkeit selbst begünstigt haben.
Symbolische und organisatorische Voraussetzungen
Archäologische Befunde zeigen, dass Monumentalbauten wie in Göbekli Tepe mit Gemeinschaftsarbeit und Ritualen verbunden waren. Dies legt nahe, dass sozial-kulturelle Innovationen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung stabiler Siedlungen spielten, bevor die Landwirtschaft voll entwickelt war.
Übergang von Dörfern zu Städten
Erst aus sesshaften Dörfern konnten – über Jahrtausende hinweg – dauerhaft größere Siedlungen und urbane Zentren entstehen. Beispiele hierfür sind:
Uruk in Mesopotamien (~40 000–50 000 Einwohner um 3 000 v.u.Z.).
Städte am Nil und in anderen Flusstälern, die durch Verwaltungs- und Handelsfunktionen geprägt wurden.
Diese städtischen Zentren bildeten die Kerne erster Staaten, Wirtschaftssysteme und komplexer sozialer Ordnungssysteme.
Bedeutung der frühen Siedlungen
Die Entstehung erster Siedlungen und Dörfer ist ein Schlüsselelement in der Geschichte des Menschen. Sie markiert den Übergang zur planbaren Nahrungsproduktion, zur spezialisierten Arbeit, zu sozialen Hierarchien und zu komplexen gesellschaftlichen Strukturen, die letztlich Grundlage für Staaten, Wirtschaftssysteme und kulturelle Vielfalt wurden.
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