die religiöse/rituelle Beschneidung
Die religiöse Beschneidung männlicher Säuglinge und Kinder gehört zu den ältesten dokumentierten rituellen Praktiken der Menschheitsgeschichte. Diese operative Entfernung der Vorhaut des Penis ist heute vor Allem im Judentum, Islam und einigen christlichen Gemeinschaften verbreitet.
Grundlagen
Die frühesten archäologischen Belege für Beschneidungspraktiken stammen aus dem alten Ägypten und reichen bis ins 3. Jahrtausend v.u.Z. zurück. Wandmalereien in Saqqara (ca. 2400 v.u.Z.) zeigen detaillierte Darstellungen des Eingriffs, also war die Praxis bereits zu dieser Zeit ritualisiert und gängig.
Auch aus Nubien und anderen Regionen des antiken Afrika sind frühe Beschneidungsriten dokumentiert.
die jüdische Tradition
Die jüdische Tradition der Brit Mila entwickelte sich vermutlich im 2. Jahrtausend v.u.Z. und wird in der Tora als Bund zwischen Abraham und Gott beschrieben.
Historisch-kritische Bibelforschuneng datiert die schriftliche Fixierung dieser Traditionen auf das 6. bis 5. Jahrhundert v.u.Z., wobei die mündlichen Überlieferungen deutlich älter sein dürften.
Im Judentum erfolgt die Beschneidung traditionell am achten Tag nach der Geburt.
die islamische Tradition
Der Islam übernahm die Beschneidungspraxis aus den abrahamitischen Traditionen, wobei sie im Koran nicht explizit erwähnt, aber in der Sunna (also die Prophetenüberlieferung) als empfohlene oder verpflichtende Handlung beschrieben wird.
Die islamische Beschneidung (Khitan) kann zu verschiedenen Lebenszeiten durchgeführt werden, häufig im Kindesalter, oder gar nicht.
symbolische Funktionen
Die religiöse Beschneidung erfüllt in den verschiedenen Traditionen mehrere symbolische Funktionen.
die jüdische Tradition
Im Judentum steht sie als physisches Zeichen des Bundes mit Gott und markiert die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk. Sie ist quasi ein Identitätsmarker.
die islamische Tradition
Im Islam wird die Beschneidung als Akt der rituellen Reinigung (Tahara) verstanden und mit der Nachahmung Abrahams begründet. Sie gilt als Zeichen der Unterwerfung unter Gottes Willen.
Beschneidungsriten sind immer eine große Sache, die in den verschiedenen Kulturen mit Übergangsritualen, Reinheitsvorstellungen und Gruppenzugehörigkeit verknüpft sind. Sie markieren den Übergang vom Kind zum vollwertigen Gemeinschaftsmitglied.
Warum wurde ausgerechnet die Vorhaut ausgewählt?
Der Penis ist immer schon ein beliebtes Objekt in der Menschheitsgeschichte gewesen und die Vorhaut beeindrächtigt die Fruchtbarkeit/Erektion nicht.
- ein eindeutig männliches, geschlechtsspezifisches Merkmal, perfekt für Riten
- der Eingriff ist relativ einfach durchführbar und heilt in der Regel komplikationslos ab
- dauerhaft und nicht nachträglich wieder anbringbar
Warum existiert die Vorhaut beim Menschen wissenschaftlich gesehen?
Sie schützt die empfindliche Eichel vor mechanischen Reizen, hält die Glans feucht und geschmeidig und ist nicht ganz unerheblich bei der sexuellen Funktion:
- durch ihre Beweglichkeit während der Erektion
- sie enthält natürlich auch Nervenzellen
- trägt zur sensorischen Wahrnehmung bei
Medizinisch hat die Beschneidung Vorteile und Nachteile.
Sie reduziert das Risikos für Harnwegsinfekte im Säuglingsalter, verringert die Übertragungsrate mancher sexuell übertragbarer Krankheiten (einschließlich HIV) und eliminiert das Risiko für Vorhautverengung (Phimose).
Ob die Entfernung der sensiblen Nervenstrukturen Auswirkungen auf die spätere Sexualfunktion haben könnte, ist unklar und wird eher diskutiert als bewiesen. Medizinische Literatur zeigt jedenfalls keine eindeutigen Belege für signifikante negative Auswirkungen auf die sexuelle Zufriedenheit.
Kontroveres
Einige Betroffene empfinden die Beschneidung nachträglich als Körperverletzung. Die Eichel ist ohne Vorhaut weniger geschützt und stumpft ab.
Unterschied männliche und weibliche Beschneidung
Die Beschneidung der Vorhaut war und ist ein Ritus, mit dem Männer in patriarchalen Gesellschaften in die Gruppe aufgenommen wurden, die Macht hat.
Mit der Klitorisbescheidung wird für Frauen ihre niedere Rolle in der patriarchalen Gesellschaft verfestigt. Die Beschneidung von Männern und Frauen ist also rituell gesehen nicht das Gleiche.
Außerdem verliert ein Mann durch die Entfernung der Vorhaut nicht seine Orgasmusfähigkeit, die Frau in der Regel sehr wohl. Dafür müsste ihm die Vorhaut samt Eichel entfernt werden.
Also auch auf der physiologischen Ebene handelt es sich um zwei sehr verschiedene Eingriffe. Beide sind gewaltvoll, übergriffig & rühren an der körperlichen Unversehrtheit der Betroffenen.
Text: @Infokomposter & @Henne Bluesky – Bildquelle: Iryna Bakurskaya / pixabay